von Hans Deutzmann | Jan. 10, 2021 | Asanas und Vinyasas
Der Stellenwert und die Bedeutung von Asanas im traditionellen Yoga
Ein Beitrag von Hans Deutzmann
Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie über die Bedeutung der Asanas im traditionellen Yoga.
Hier geht es zur Übersicht:
Im Yoga gibt es Übungen, die wir Asanas nennen. Unter Asanas versteht man heute meist Körperhaltungen oder Yogaübungen.
Im weiteren Sinne sind Asanas jedoch mehr als nur gymnastische Übungen. Sie können verstanden werden als
Im Westen ist die Praxis der Asanas wahrscheinlich der bekannteste Teil des Yoga geworden.
👉 Mehr über die Praxis der Yogaübungen und Asanas
Wortbedeutung von Asana
Das Wort Asana stammt aus dem Sanskrit. Die sprachliche Wurzel „as“ bedeutet:
-
sitzen
-
Sitzhaltung
-
Sitzplatz
Im weiteren Sinne wird Asana auch als
-
Haltung
-
Stellung
-
Körperhaltung
verstanden (englisch: posture).
Asanas in den traditionellen Yogatexten
In den klassischen Quellentexten des Yoga und Hinduismus werden Asanas überwiegend als Sitzhaltungen für die Meditation beschrieben.
Solche Beschreibungen finden sich unter anderem in:
Asana in der Svetasvatara Upanishad
Eine frühe Beschreibung der meditativen Sitzhaltung findet sich in der Svetasvatara Upanishad (II-8).
Dort wird eine Haltung beschrieben, bei der
-
Körper, Kopf und Hals aufrecht gehalten werden
-
Körper und Atmung ruhig sind
-
der Blick auf die Nasenspitze gerichtet wird.
Zudem wird die Rezitation des Mantras Om empfohlen.
Als mögliche Wirkungen der Meditation werden genannt:
Asana in der Tejobindu Upanishad
Auch in der Tejobindu Upanishad wird die Bedeutung der Sitzhaltung betont:
„Man verstehe das als Asana, in dem man sich mit Leichtigkeit und ungestört der Kontemplation der höchsten Realität widmen kann.“
Asana wird hier also als eine Haltung verstanden, die Meditation ermöglicht.
Katha Upanishad
In der Katha Upanishad wird die Meditation als Weg beschrieben, das Selbst (Atman) zu erkennen.
Das Ziel ist, das „tiefe Selbst“ im Inneren des Menschen zu entdecken – symbolisch beschrieben als das Selbst in der „Höhle des Herzens“.
Asana in der Bhagavadgita
Auch die Bhagavadgita beschreibt meditative Praxis.
In Kapitel 6 (Verse 10–12) heißt es:
Der Yogi soll sich an einen ruhigen Ort zurückziehen, auf einem festen Sitz Platz nehmen und den Geist zur Ruhe bringen. Der Sitz soll weder zu hoch noch zu niedrig sein. Mit einem konzentrierten Geist und kontrollierten Sinnen soll der Yogi dort Yoga üben, um sich selbst zu reinigen.
Asana im Yoga Sutra des Patanjali
Patanjali beschreibt im Yoga Sutra den bekannten achtgliedrigen Yogapfad.
Dieser Weg wird Ashtanga Yoga genannt („acht Glieder“).
Die acht Glieder sind:
-
Yama
-
Niyama
-
Asana
-
Pranayama
-
Pratyahara
-
Dharana
-
Dhyana
-
Samadhi
Asana steht somit an dritter Stelle im Yogaweg – nach den ethischen Grundlagen und vor den Atemübungen.
👉 Mehr über die Tripada Yoga Methode
https://yoga-gesundheit.blog/category/tripada-methode
Ausblick
In den traditionellen Yogatexten wird Asana vor allem als meditative Sitzhaltung verstanden.
Erst im späteren Hatha Yoga entwickelte sich daraus eine große Vielfalt von Körperhaltungen, die heute die Yogapraxis prägen.
👉 Lesen Sie weiter in Teil 2:
Die Entwicklung der Asanas im Hatha Yoga
Artikelserie: Die Bedeutung der Asanas im Yoga
Teil 1 |
Teil 2 |
Teil 3 |
Teil 4 |
Teil 5 |
Teil 6
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von Hans Deutzmann | Jan. 9, 2021 | Asanas und Vinyasas
Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie über die Bedeutung der Asanas im traditionellen Yoga.
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Bei Patanjali finden wir drei Sutras zum Thema Asanas
Der Stellenwert der Asanas im Yoga Sutra
Im Yoga Sutra des Patanjali finden sich lediglich drei kurze Aussagen über Asanas. Diese drei Sutras sind jedoch grundlegend für das Verständnis der Yogapraxis.
Es handelt sich um die folgenden Verse:
PYS II.46
Sthira sukham asanam
= Die Haltung soll stabil und angenehm sein.
PYS II.47
Prayatna-śaithilya ananta-samāpattibhyām
= Durch das Nachlassen der Anstrengung und die Versenkung in das Unendliche wird die Haltung vollkommen.
PYS II.48
Tato dvandva-anabhighātaḥ
= Dann wird man von den Gegensatzpaaren nicht mehr berührt.
Diese wenigen Aussagen zeigen, dass Patanjali Asana nicht als gymnastische Übung beschreibt, sondern als meditative Sitzhaltung.
PYS II.46 – Sthira Sukham Asanam
Die beiden Begriffe sthira und sukha beschreiben zwei zentrale Eigenschaften der Yogahaltung.
Sthira bedeutet
Stabilität, Festigkeit, Ruhe.
Sukha bedeutet
Angenehmheit, Leichtigkeit und einen inneren Zustand des Wohlbefindens.
Nach Auffassung von Dr. Gharote beantworten diese beiden Begriffe bereits viele Fragen zur Praxis der Asanas.
Im Allgemeinen wird die Praxis von Asanas heute oft als körperliche Übung verstanden. In den Yogasutras wird jedoch deutlich, dass es um mehr geht als um körperliche Bewegung.
Sthira bezeichnet eine stabile körperliche Haltung, während sukha auch einen mentalen Zustand beschreibt. Damit wird der Zusammenhang von Körper und Geist deutlich. Die Praxis der Asanas wirkt vom Körper auf die Psyche.
Eine stabile und angenehme Sitzhaltung wirkt beruhigend auf den Geist. Die Aufmerksamkeit kann sich sammeln, der Atem wird ruhiger und die Konzentration vertieft sich.
In diesem Sinne erfüllen Asanas eine wichtige Funktion für das eigentliche Ziel des Yoga: die Meditation und Selbsterkenntnis.
Die Bedeutung der Sitzhaltung
Viele yogische Übungen werden traditionell im Sitzen ausgeführt. Dazu gehören beispielsweise
Auch für diese Praktiken ist es vorteilhaft, über längere Zeit stabil und angenehm sitzen zu können.
PYS II.47 – Mühelosigkeit der Haltung
Das zweite Sutra beschreibt ein weiteres wichtiges Prinzip der Asanapraxis.
Prayatna-śaithilya bedeutet das Nachlassen der Anstrengung.
Eine Yogahaltung soll daher möglichst mühelos ausgeführt werden. Das Asana wird stabil eingenommen, gleichzeitig wird unnötige Anspannung losgelassen.
Die Haltung wird dadurch leicht, ruhig und entspannt.
PYS II.48 – Freiheit von Gegensätzen
Das dritte Sutra beschreibt die Wirkung der Asanapraxis.
Durch eine stabile und entspannte Haltung entsteht eine gewisse Unabhängigkeit von den sogenannten Gegensatzpaaren.
Dazu gehören beispielsweise:
-
Hitze und Kälte
-
Freude und Schmerz
-
Anstrengung und Ermüdung
Der Übende wird weniger von äußeren Umständen beeinflusst und gewinnt innere Ruhe und Stabilität.
Fazit
Die Aussagen Patanjalis über Asana sind kurz, aber sehr prägnant.
Asana bedeutet hier vor allem eine stabile und angenehme Sitzhaltung, die mit möglichst geringer Anstrengung ausgeführt wird. Diese Haltung schafft die Voraussetzungen für die weitere Yogapraxis und insbesondere für die Meditation.
Hans Deutzmann
Artikelserie: Die Bedeutung der Asanas im Yoga
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von Hans Deutzmann | Jan. 7, 2021 | Asanas und Vinyasas
Asana als meditative Sitzhaltung im klassischen Yoga
ein Beitrag von Hans Deutzmann
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Asana wird im traditionellen Yoga in erster Linie als meditative Sitzhaltung verstanden. Unter Asanas versteht man im klassischen Sinne eine bestimmte Anordnung des Körpers – insbesondere von Händen und Beinen – die es ermöglicht, den Körper stabil und ruhig auszurichten.
Dabei entsteht ein Gleichgewicht zwischen verschiedenen Bereichen des Körpers:
• Becken
• Bauch
• Rücken
• Nacken
• Kopf
• Schultern
Diese Balance bildet die Grundlage für eine stabile meditative Haltung. Weitere Beiträge zur Praxis der Körperhaltungen finden Sie auch in der Kategorie Asanas und Vinyasas.
Das klassische Verständnis von Asana
Im klassischen Yoga bedeutet Asana vor allem einen Zustand, in dem der Übende über längere Zeit in ruhiger Sammlung verweilen kann.
Asana bedeutet daher:
• einen Zustand, in dem man sich der Betrachtung Brahmans oder des Selbst hingeben kann
• sich fest in der eigenen ursprünglichen Natur einzurichten
• einen mühelosen und leichten Zustand, der diese Sammlung ermöglicht
Asanas führen zu einer Ruhe und Bewegungslosigkeit des Körpers, die auch als Ekagrata bezeichnet wird – die Sammlung oder Einspitzigkeit des Geistes.
Dieses Verständnis steht im Gegensatz zu den nahezu unendlichen Bewegungsmöglichkeiten des Körpers. Das grundlegende Prinzip von Asana lautet daher Stabilität auf verschiedenen Ebenen. Alles, was diese Stabilität stört, erschwert die Sammlung.
Die Funktion von Asana in der Yogapraxis
Traditionell beginnt Yogapraxis mit einer meditativen Sitzhaltung. Sie dient dazu, sich zunächst zu sammeln und den größtmöglichen Nutzen aus der gesamten Praxis zu ziehen.
Im klassischen Verständnis sind Asanas daher:
• ein statisches Konzept
• keine Bewegungsabfolge
• Ausdruck relativer Ruhe und Bewegungslosigkeit von Körper, Atem und Geist
Der Körper kommt zur Ruhe, der Atem wird gleichmäßig und ruhig, und auch die Gedanken beruhigen sich. Weitere Hintergründe zu Yoga als Methode der Gesundheitsförderung finden Sie auch in der Kategorie Gesundheit und Anwendung.
Sukhasana und die Stabilität des Geistes
Der Zustand, in dem der Mensch im Einklang mit seiner ursprünglichen Natur verweilt, wird häufig mit dem Begriff Sukhasana verbunden.
Asanayaya bezeichnet in diesem Zusammenhang die Fähigkeit, über längere Zeit – traditionell wird von bis zu drei Stunden gesprochen – stabil in einer Haltung zu verweilen.
Die Ruhe des Körpers und die Sammlung des Geistes bilden auch die Grundlage für Entspannung und Meditation, über die Sie weitere Artikel in der Kategorie Entspannung und Meditation finden.
Fazit
Im traditionellen Verständnis bezeichnet Asana weniger eine Vielzahl körperlicher Übungen als vielmehr einen yogischen Prozess.
Dieser Prozess beginnt auf der körperlichen Ebene:
• mit der Anordnung von Händen und Füßen
• setzt sich fort in der mühelosen Aufrichtung der Wirbelsäule
• und endet in einer stabilen Ruhe von Körper und Geist.
In diesem Sinne beschreibt Asana letztlich die Praxis der Meditation selbst.
Lesen Sie weiter in Teil 5
Weitere Hintergrundartikel zur Theorie und Methodik des Yoga finden Sie auch in der Kategorie Tripada Methode.
Artikelserie: Die Bedeutung der Asanas im Yoga
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von Hans Deutzmann | Jan. 6, 2021 | Asanas und Vinyasas
Asanas in der Hatha-Yoga-Pradipika
Teil 3 der Serie über die Bedeutung der Asanas im traditionellen Yoga
Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie über die Bedeutung der Asanas im traditionellen Yoga.
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In den klassischen Texten des Hatha Yoga nimmt die Praxis der Asanas bereits einen deutlich größeren Raum ein als im Yoga Sutra des Patanjali.
In der Hatha-Yoga-Pradipika heißt es:
„Die erste Disziplin im Hatha-Yoga ist die Praxis von Asana. Sie reinigt den Körper und führt zu Gesundheit, Ruhe und Festigkeit.“
(HYP I,20)
Die Hatha-Yoga-Pradipika beschreibt anschließend 15 Asanas ausführlicher. Gleichzeitig wird erwähnt, dass es ursprünglich 84 Asanas gebe (HYP I,35).
In anderen Texten wird diese Zahl sogar symbolisch erweitert. In der Goraksasatakam ist von 84 000 Asanas die Rede – eine symbolische Zahl, die auf die große Vielfalt möglicher Haltungen hinweisen soll.
„Es gibt so viele Asanas wie Tierarten. Der Ehrwürdige kennt alle Varianten. Von den 84 000 wurde jeweils eine ausgewählt, die die anderen repräsentiert.“
(Goraksasatakam 5 – Tomalla 1986)
Die 15 Asanas der Hatha-Yoga-Pradipika
Die Hatha-Yoga-Pradipika beschreibt folgende 15 Asanas (HYP I,20-56):
Swastikasana – heilbringende Stellung
Gomukhasana – Kuhkopfstellung
Virasana – Heldenstellung
Kurmasana – Schildkrötenstellung
Kukkutasana – Hahnstellung
Uttana-Kurmasana – gestreckte Schildkrötenstellung
Dhanurasana – Bogenstellung
Für einige dieser Asanas werden keine besonderen Wirkungen angegeben.
Für andere Haltungen werden dagegen spezifische Wirkungen beschrieben.
Matsyendrasana – Drehsitz
regt das Verdauungsfeuer an, besiegt Krankheiten, erweckt Kundalini und stabilisiert Bindu.
Paschimottanasana – Vorwärtsbeuge
lässt Prana durch die Sushumna fließen, stärkt das Verdauungsfeuer und fördert die Gesundheit.
Mayurasana – Pfauenstellung
soll Magen- und Milzerkrankungen beseitigen und das Verdauungsfeuer stärken.
Savasana – Totenstellung
beseitigt Erschöpfung und beruhigt den Geist.
Siddhasana – Stellung des Meisters
gilt als besonders wichtiges Asana. Es soll die Nadis reinigen und zur Vollkommenheit führen.
Padmasana – Lotusstellung
soll Krankheiten vertreiben und bei fortgeschrittener Praxis zur Erweckung der Kundalini beitragen.
Simhasana – Löwenstellung
unterstützt die Praxis der Bandhas.
Bhadrasana – glückbringende Stellung
soll Krankheiten beseitigen.
Die Bedeutung der Sitzhaltungen
Die Hatha-Yoga-Pradipika hebt besonders die Bedeutung der Sitzhaltungen hervor.
Als wichtigste Asanas gelten vier meditative Sitzhaltungen:
-
Siddhasana
-
Padmasana
-
Simhasana
-
Bhadrasana
Dabei wird Siddhasana als besonders bedeutend angesehen.
Der Text geht sogar so weit zu sagen, dass das Beherrschen dieser einen Haltung ausreichen könne und andere Asanas dann nicht mehr unbedingt erforderlich seien.
Eine Voraussetzung dafür ist jedoch die vollkommene Mühelosigkeit der Haltung. Erst wenn diese erreicht ist, kann der Übende zu weiteren Praktiken übergehen, insbesondere zum Pranayama.
Asanas in der Gheranda Samhita
Auch in der Gheranda Samhita wird die Praxis der Asanas beschrieben.
Hier wird ein sechsgliedriger Yogapfad dargestellt.
Die Reihenfolge lautet:
-
Reinigungstechniken (Dhauti)
-
Asanas (32 Haltungen)
-
Mudras
-
Pranayama
-
Meditation (Dhyana)
-
Samadhi
Der Text beschreibt die Wirkungen der einzelnen Stufen folgendermaßen:
Asana schenkt Kraft.
Mudra gibt Festigkeit.
Pratyahara bringt Standhaftigkeit und innere Ruhe.
Pranayama bringt Klarheit.
Dhyana schenkt Erkenntnis des Selbst.
Samadhi führt zur Befreiung.
Als wichtige meditative Sitzhaltungen werden unter anderem genannt:
-
Sukhasana
-
Siddhasana
-
Svastikasana
-
Vajrasana
-
Ardha-Padmasana
-
Padmasana
Fazit
Während Patanjali Asana vor allem als meditative Sitzhaltung beschreibt, erweitert der Hatha-Yoga die Praxis deutlich.
Die Texte des Hatha-Yoga zeigen bereits eine größere Vielfalt an Körperhaltungen. Dennoch behalten die meditativen Sitzhaltungen weiterhin eine zentrale Bedeutung.
Sie bilden die Grundlage für weiterführende Yogapraktiken wie Pranayama und Meditation.
👉 Lesen Sie weiter in Teil 4:
Die Entwicklung der Asanapraxis im modernen Yoga
Lesen Sie weiter in Teil 4
Artikelserie: Die Bedeutung der Asanas im Yoga
Teil 1 |
Teil 2 |
Teil 3 |
Teil 4 |
Teil 5 |
Teil 6
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von Hans Deutzmann | Jan. 5, 2021 | Asanas und Vinyasas
Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie über die Bedeutung der Asanas im traditionellen Yoga.
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Asanas im modernen Yoga
ein Beitrag von Hans Deutzmann
Die heute verbreitete Praxis von Asanas als körperliche Übungen ist historisch betrachtet eine relativ junge Entwicklung. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurden Asanas von einigen bedeutenden Reformern des Yoga kaum beachtet oder sogar ausdrücklich abgelehnt.
Weitere Beiträge zur Praxis und Bedeutung der Körperhaltungen finden Sie auch in der Kategorie Asanas und Vinyasas.
Ablehnung des Hatha Yoga im 19. Jahrhundert
Erneuerer des Yoga wie Swami Vivekananda blendeten die Praxis der Asanas zunächst weitgehend aus. Hatha-Yogis galten zu dieser Zeit häufig als rückständig und wurden gesellschaftlich eher randständig wahrgenommen.
Vivekananda selbst lehrte vor allem über:
-
Karma Yoga
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Bhakti Yoga
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Jnana Yoga
-
Raja Yoga
Die Praxis des Hatha Yoga und insbesondere der Asanas stieß damals in vielen gebildeten Kreisen auf Ablehnung. Auch die Theosophen sowie Teile der bürgerlichen Gesellschaft standen diesen Praktiken kritisch gegenüber.
Die Renaissance des Hatha Yoga
Erst im Zuge einer antikolonialen hinduistisch-nationalen Bewegung kam es zu einer neuen Bewertung des Hatha Yoga.
Man war bemüht, den kulturellen Einfluss des Westens zu reduzieren und unter Bezugnahme auf traditionelles Wissen ein eigenständiges indisches System der Körper- und Geistesschulung zu etablieren. In dieser Phase wirkten mehrere bedeutende Pioniere, die den modernen Yoga maßgeblich geprägt haben.
Swami Kuvalayananda
Ein wichtiger Vertreter dieser Entwicklung war Swami Kuvalayananda.
1924 gründete er in Lonavala (Maharashtra) das Kaivalyadhama Institute mit dem Ziel, die Wirkungen des Hatha Yoga wissenschaftlich zu untersuchen und therapeutische Anwendungen zu entwickeln.
Die Ergebnisse dieser Forschungen wurden in der seit 1924 erscheinenden Zeitschrift Yoga Mimamsa veröffentlicht.
Das Institut arbeitete auch mit bekannten Wissenschaftlern zusammen, unter anderem mit dem Biologen J. B. S. Haldane.
1927 erhielt G. Gune von der Regierung von Mumbai den Auftrag, Methoden zu entwickeln, um yogische Praktiken in Klassen an Schulen und Universitäten zu unterrichten.
Kuvalayananda entwickelte außerdem Konzepte, mit denen Hatha Yoga auch in größeren Gruppen unterrichtet werden konnte. Er gehörte zu den ersten, die Yoga systematisch für therapeutische und präventive Zwecke einsetzten.
Weitere Beiträge zur gesundheitsbezogenen Anwendung von Yoga finden Sie auch in der Kategorie Gesundheit und Anwendung.
T. Krishnamacharya
Ein weiterer zentraler Pionier des modernen Yoga war T. Krishnamacharya (1888–1989).
Er wurde vom Maharaja von Mysore zum Kaivalyadhama Institute geschickt, um die dort entwickelten Methoden zu studieren. Große Bekanntheit erlangte Krishnamacharya jedoch erst später, vor allem durch die Yogaformen, die von seinen Schülern entwickelt wurden.
Dazu zählen unter anderem:
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das Ashtanga Yoga
-
das Iyengar Yoga
Diese Systeme gehen in vieler Hinsicht auf seine Lehrtätigkeit zurück.
Wichtige Publikationen zur modernen Asanapraxis
Mehrere bedeutende Veröffentlichungen trugen zur Verbreitung der modernen Asanapraxis bei:
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1931: Veröffentlichung des Buches Asanas von Swami Kuvalayananda mit einem Fokus auf Gesundheit und Fitness
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1935: Krishnamacharyas Buch Yoga Makaranda mit Beschreibungen von Asanas und therapeutischen Wirkungen
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1965: Licht auf Yoga von B. K. S. Iyengar mit über 200 Asanas
Auch andere Lehrer trugen wesentlich zur Verbreitung des modernen Yoga bei:
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Swami Sivananda und sein Schüler Swami Vishnu Devananda
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André van Lysebeth, der 1982 das Buch Yoga für Menschen von heute veröffentlichte
In der Folge erschienen weltweit unzählige weitere Publikationen.
Moderne Forschung zur Geschichte der Asanas
Neuere Forschungen legen nahe, dass die heute verbreitete Praxis von Asanas als körperliche Übungen vor allem in den letzten etwa 100 Jahren entstanden ist.
Dabei handelt es sich vermutlich um eine Synthese aus traditionellen Yogapraktiken und westlicher Gymnastik.
Das Konzept der Vinyasas, also fließender Bewegungsabfolgen, wurde beispielsweise erst von Krishnamacharya in das Yogasystem integriert. Am Kaivalyadhama Institute wurde dieses Konzept lange Zeit sogar ausdrücklich abgelehnt.
Krishnamacharya berief sich für seine Lehren auf einen angeblich verschollenen Text namens Yoga Kurunta. Da dieser Text jedoch nie von anderen Forschern gesehen wurde und angeblich von Ameisen zerstört worden sein soll, ist seine Existenz historisch umstritten.
Kritische Stimmen aus der modernen Forschung
Auch moderne Yogaforscher haben diese Entwicklung kritisch untersucht.
Der Historiker Mark Singleton argumentiert in seinem Buch The Origins of Yoga Posture, dass es keine ungebrochene Traditionslinie der modernen Asanapraxis gebe.
Der Wissenschaftsjournalist William Broad weist zudem auf mögliche Gefahren und konzeptionelle Schwächen im modernen Yoga hin.
Auch die oft sehr weitgehenden Wirkungsversprechen, die im Zusammenhang mit Yoga gemacht werden, sind wissenschaftlich nur teilweise belegt. Dadurch entsteht häufig eine gewisse Aura des Geheimnisvollen oder Mystischen, wie sie auch in den traditionellen Vorstellungen von Siddhis (übernatürlichen Kräften) zum Ausdruck kommt.
Weitere Hintergrundartikel zur Theorie und Entwicklung des Yoga finden Sie in der Kategorie Tripada Methode.
👉 Lesen Sie weiter in Teil 6 der Serie.
Artikelserie: Die Bedeutung der Asanas im Yoga
Teil 1 |
Teil 2 |
Teil 3 |
Teil 4 |
Teil 5 |
Teil 6
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