Der Stellenwert und die Bedeutung von Asanas im Yoga 5

von | Asanas und Vinyasas

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie über die Bedeutung der Asanas im traditionellen Yoga.
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Asanas im modernen Yoga

ein Beitrag von Hans Deutzmann

Die heute verbreitete Praxis von Asanas als körperliche Übungen ist historisch betrachtet eine relativ junge Entwicklung. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurden Asanas von einigen bedeutenden Reformern des Yoga kaum beachtet oder sogar ausdrücklich abgelehnt.

Weitere Beiträge zur Praxis und Bedeutung der Körperhaltungen finden Sie auch in der Kategorie Asanas und Vinyasas.


Ablehnung des Hatha Yoga im 19. Jahrhundert

Erneuerer des Yoga wie Swami Vivekananda blendeten die Praxis der Asanas zunächst weitgehend aus. Hatha-Yogis galten zu dieser Zeit häufig als rückständig und wurden gesellschaftlich eher randständig wahrgenommen.

Vivekananda selbst lehrte vor allem über:

  • Karma Yoga

  • Bhakti Yoga

  • Jnana Yoga

  • Raja Yoga

Die Praxis des Hatha Yoga und insbesondere der Asanas stieß damals in vielen gebildeten Kreisen auf Ablehnung. Auch die Theosophen sowie Teile der bürgerlichen Gesellschaft standen diesen Praktiken kritisch gegenüber.


Die Renaissance des Hatha Yoga

Erst im Zuge einer antikolonialen hinduistisch-nationalen Bewegung kam es zu einer neuen Bewertung des Hatha Yoga.

Man war bemüht, den kulturellen Einfluss des Westens zu reduzieren und unter Bezugnahme auf traditionelles Wissen ein eigenständiges indisches System der Körper- und Geistesschulung zu etablieren. In dieser Phase wirkten mehrere bedeutende Pioniere, die den modernen Yoga maßgeblich geprägt haben.


Swami Kuvalayananda

Ein wichtiger Vertreter dieser Entwicklung war Swami Kuvalayananda.

1924 gründete er in Lonavala (Maharashtra) das Kaivalyadhama Institute mit dem Ziel, die Wirkungen des Hatha Yoga wissenschaftlich zu untersuchen und therapeutische Anwendungen zu entwickeln.

Die Ergebnisse dieser Forschungen wurden in der seit 1924 erscheinenden Zeitschrift Yoga Mimamsa veröffentlicht.

Das Institut arbeitete auch mit bekannten Wissenschaftlern zusammen, unter anderem mit dem Biologen J. B. S. Haldane.

1927 erhielt G. Gune von der Regierung von Mumbai den Auftrag, Methoden zu entwickeln, um yogische Praktiken in Klassen an Schulen und Universitäten zu unterrichten.

Kuvalayananda entwickelte außerdem Konzepte, mit denen Hatha Yoga auch in größeren Gruppen unterrichtet werden konnte. Er gehörte zu den ersten, die Yoga systematisch für therapeutische und präventive Zwecke einsetzten.

Weitere Beiträge zur gesundheitsbezogenen Anwendung von Yoga finden Sie auch in der Kategorie Gesundheit und Anwendung.


T. Krishnamacharya

Ein weiterer zentraler Pionier des modernen Yoga war T. Krishnamacharya (1888–1989).

Er wurde vom Maharaja von Mysore zum Kaivalyadhama Institute geschickt, um die dort entwickelten Methoden zu studieren. Große Bekanntheit erlangte Krishnamacharya jedoch erst später, vor allem durch die Yogaformen, die von seinen Schülern entwickelt wurden.

Dazu zählen unter anderem:

  • das Ashtanga Yoga

  • das Iyengar Yoga

Diese Systeme gehen in vieler Hinsicht auf seine Lehrtätigkeit zurück.


Wichtige Publikationen zur modernen Asanapraxis

Mehrere bedeutende Veröffentlichungen trugen zur Verbreitung der modernen Asanapraxis bei:

  • 1931: Veröffentlichung des Buches Asanas von Swami Kuvalayananda mit einem Fokus auf Gesundheit und Fitness

  • 1935: Krishnamacharyas Buch Yoga Makaranda mit Beschreibungen von Asanas und therapeutischen Wirkungen

  • 1965: Licht auf Yoga von B. K. S. Iyengar mit über 200 Asanas

Auch andere Lehrer trugen wesentlich zur Verbreitung des modernen Yoga bei:

  • Swami Sivananda und sein Schüler Swami Vishnu Devananda

  • André van Lysebeth, der 1982 das Buch Yoga für Menschen von heute veröffentlichte

In der Folge erschienen weltweit unzählige weitere Publikationen.


Moderne Forschung zur Geschichte der Asanas

Neuere Forschungen legen nahe, dass die heute verbreitete Praxis von Asanas als körperliche Übungen vor allem in den letzten etwa 100 Jahren entstanden ist.

Dabei handelt es sich vermutlich um eine Synthese aus traditionellen Yogapraktiken und westlicher Gymnastik.

Das Konzept der Vinyasas, also fließender Bewegungsabfolgen, wurde beispielsweise erst von Krishnamacharya in das Yogasystem integriert. Am Kaivalyadhama Institute wurde dieses Konzept lange Zeit sogar ausdrücklich abgelehnt.

Krishnamacharya berief sich für seine Lehren auf einen angeblich verschollenen Text namens Yoga Kurunta. Da dieser Text jedoch nie von anderen Forschern gesehen wurde und angeblich von Ameisen zerstört worden sein soll, ist seine Existenz historisch umstritten.


Kritische Stimmen aus der modernen Forschung

Auch moderne Yogaforscher haben diese Entwicklung kritisch untersucht.

Der Historiker Mark Singleton argumentiert in seinem Buch The Origins of Yoga Posture, dass es keine ungebrochene Traditionslinie der modernen Asanapraxis gebe.

Der Wissenschaftsjournalist William Broad weist zudem auf mögliche Gefahren und konzeptionelle Schwächen im modernen Yoga hin.

Auch die oft sehr weitgehenden Wirkungsversprechen, die im Zusammenhang mit Yoga gemacht werden, sind wissenschaftlich nur teilweise belegt. Dadurch entsteht häufig eine gewisse Aura des Geheimnisvollen oder Mystischen, wie sie auch in den traditionellen Vorstellungen von Siddhis (übernatürlichen Kräften) zum Ausdruck kommt.

Weitere Hintergrundartikel zur Theorie und Entwicklung des Yoga finden Sie in der Kategorie Tripada Methode.


👉 Lesen Sie weiter in Teil 6 der Serie.


Artikelserie: Die Bedeutung der Asanas im Yoga

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Hans Deutzmann

Hans Deutzmann

Inhaber, Leiter und Gründer

Hans Deutzmann ist Begründer der Tripada® Methode und Leiter der Tripada Akademie für Gesundheit und Yoga in Wuppertal.
Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Yoga, Gesundheitsförderung und Ausbildung von Yogalehrenden.

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